THEATER ernährt sich von Fantasie  
von Steffi Schreiber - THEATER Stolperdraht

Auch in diesem Jahr präsentierten brandenburgische Amateurtheater die Ergebnisse ihrer probenintensiven Arbeit. Die selbst gewählten Stücke versprachen ein vielfältiges Programm. Ob nun Märchen, Comedy oder klassische Tragödie, die einzelnen Inszenierungen lieferten jede Menge Diskussionsmaterial.

Am Donnerstag durften wie mit unserem Jugendstück „Crazy" auf „die Bretter, die die Welt bedeuten". Das THEATER Stolperdraht konfrontierte das Publikum mit der Problematik Pubertät und den damit entstehenden unterschiedlichen Entwicklungstendenzen der Jugend. So verschieden die Charaktere auch sind, letztlich sehnt sich jeder von uns nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung.

„Crazy" verknüpft jene natürlich Gemeinsamkeit und erzählt die Geschichte des 16-jährigen Benjamin, dem die Integration in die Internatsgemeinschaft trotz seiner körperlichen Behinderung gelingt. Das Stück wurde von den Zuschauern mit reichlich Beifall belohnt.

In den Aufführungsgesprächen konnten die gewonnenen Eindrücke geschildert, Meinungen vertreten und Fragen gestellt werden. Koordiniert wurde das Ganze durch professionelle Theaterregisseure, die ihre Erfahrungen und unsere Empfindungen geschickt verknüpften und so immer wieder interessante Aspekte ansprachen.

Auffällig waren die unterschiedlichen Reaktionen der Gruppen auf negative Kritiken, die eigentlich als gut gemeinte Ratschläge verstanden werden sollten. Die einen wirkten eingeschüchtert, andere eher nachdenklich bzw. registrierend. Was ich jedoch schade finde, ist, dass es immer wieder Spieler oder auch Regisseure gibt, die sich persönlich beleidigt und angegriffen fühlen. Stark gestikulierend wird sofort die „Kampfhaltung" eingenommen, auf deren Grundlage es sich nur schwer diskutieren lässt.

Rechtfertigen bringt den Einzelnen nicht weiter. Dadurch wird lediglich ein Weiterentwickeln verhindert. Außerdem gab es ein erschreckendes Beispiel dafür, wie verkrampft und verzweifelt eine Inszenierung wirken kann, wenn die Darsteller zu Marionetten werden, die absolut gar keine Handlung aus eigenem Impuls heraus spielen dürfen. Dieser zwanghafte Versuch eines Regisseurs, der selbst auch Spieler ist, die Individualität seiner Darsteller zu missachten bzw. zu manipulieren, führte bei mir dazu, dass ich gleichzeitig Wut und Mitleid empfand.

Als Gastgeber für die 9. Brandenburgischen Amateurtheatertage stellte sich diesmal Neuruppin zur Verfügung. Die Stadt brachte gleich zwei bedeutende Persönlichkeiten hervor: Karl Friedrich Schinkel und Theodor Fontane, dessen Geburtshaus wir ins Auge fassen durften. In einer persönlichen Stadtführung öffneten Anekdoten aus längst begrabener Zeit die Grenzen zur Vergangenheit. Individuell ersponnene Bilder ließen die Geschichte jener alten Stadt wieder aufleben und verdrängten die zivilisierte, gegenwärtige Realität. Das Eintauchen und Vorstellen wurde erleichtert, durch die gepflasterten Straßen und gut erhaltenen Altbauten, die Ruhe und Gemütlichkeit ausstrahlten. Kaum zu glauben, dass 1787 ein riesiger Brand den Hauptteil der Stadt vernichtete. Doch da Neuruppin ein Garnisonsort war, finanzierte der damalige preußische König Friedrich Wilhelm II den Wiederaufbau.

Es war sozusagen Glück im Unglück, was nicht zuletzt daran lag, dass zu jenem Zeitpunkt Frieden herrschte und die Staatskasse nach der Herrschaft unter Friedrich dem Großen gefüllt war. So lernte man den historischen Wert Neuruppins schätzen.

Besonders lobenswert hervorzuheben sind außerdem die kurzfristig organisierten Workshops, durchgeführt von Peter Lange und Andreas Gahl.

Am meisten beeindruckt haben mich die Stücke „Adam und Eva", „Das Missverständnis" und „Maß für Maß". Selten wirkten die Schauspieler affektiert. Sie spielten wahrhaftig. Es gab eine Vielzahl an Momenten, die so ehrlich waren, dass die Schauspieler das Publikum in ihre fiktive Welt lotsen konnten. Theater ernährt sich von Fantasie.

Wir danken dem BATV und der Stadt Schwedt für die freundliche Unterstützung unserer Theatergruppe.

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